Buchtipp Der falsche Überlebende

Cercas: Der falsche Überlebende

Der Autor Javier Cercas (*1962) setzt sich in seinen Büchern und Romanen viel mit der jüngeren spanischen Geschichte auseinander, vor allem mit der Zeit nach der Franco-Diktatur.

Durch Journalisten und Schriftstellerkollegen wird er auf die Geschichte von Enric Marco aufmerksam. Letzterer war jahrelang Vorsitzender der „Amical de Mauthausen“ und tourte als „prominenter“ Überlebender des Holocaust durch das ganze Land. Marco berichtete regelmäßig an Schulen und in der Presse ganz lebensecht und eindrücklich von seinen Erlebnissen als KZ-Häftling. Doch, aufgedeckt durch einen Historiker, stellte sich irgendwann heraus, dass Marcos Biografie zu großen Teilen frei erfunden war.

Nach anfänglicher Ablehnung lässt Javier Cercas diese Geschichte nicht mehr los. Er macht sich daraufhin an den Versuch, das gesamte Leben jenes Mannes nachzuforschen und zu rekonstruieren. Beginnend mit Marcos Jugendjahren und der Zeit des spanischen Bürgerkriegs über die Zeit der Franco-Diktatur bis hinein ins 21. Jahrhundert. Dazu trifft sich Cercas mit Enric Marco wiederholt zu längeren Interviews. Er versucht zu verstehen, welche Motive diesen zu seiner erfundenen Lebensgeschichte getrieben haben.

»Im Alter von fünfzig Jahren lehnen Don Quijote und Marco sich gegen ihr natürliches Schicksal auf (…). Dieses Schicksal akzeptieren sie nicht, dem fügen sie sich nicht, dem unterwerfen sie sich nicht, sie möchten weiterleben, mehr leben, all das leben, was sie bis dahin nicht gelebt, wovon sie aber immer geträumt haben. Und um das zu erreichen, sind sie zu allem bereit. Zu allem heißt zu allem.«

(Javier Cercas: Der falsche Überlebende)

Im Verlauf des Buches tun sich dabei eine Fülle spannender moralischer und philosophischer Fragen auf. Zum Beispiel: Ist es vertretbar, die Fakten zu verändern, wenn man doch mit guten Absichten handelt? Oder: Ist die Wahrheit ein so hohes Gut, dass ich im Zweifel sogar aufgefordert bin, meine engsten Freunde und Vertrauten dafür preiszugeben? Geschickt verwebt Javier Cercas diese Fragen auch mit seiner eigenen Arbeit als Schriftsteller. Kann ein Roman mit Hilfe der Fiktion und Erfindung „die Wahrheit“ vermitteln?

Für mich ist „Der falsche Überlebende“ eines der faszinierendsten und unglaublichsten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Ganz nah an persönlichen Schicksalen und Begegnungen erfährt man so einiges über die aufreibende Geschichte des 20. Jahrhunderts. Javier Cercas intelligente Fragen und seine Beleuchtung der unterschiedlich wahrgenommenen oder erinnerten „Wahrheiten“ im Gegensatz zu historisch belegten Fakten macht daraus meiner Meinung nach eine sehr aktuelle und bereichernde Lektüre. 

Haben wir das Recht unsere eigene Geschichte selbst zu erfinden, um von anderen so gesehen zu werden, wie wir uns selbst gerne sehen möchten?

Javier Cercas: „Der falsche Überlebende“
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Gebunden, 496 Seiten

Verlag S. Fischer, Frankfurt/Main 2017
ISBN 978-3-10-002461-9

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